Barrieren werden zu oft auf bauliche Hindernisse beschränkt, klagen Behindertenbeauftragte. An Grenzen stoßen vor allem gehörlose Studierende.

Artikel von Elisabeth Oberndorfer/derStandard.at, am 16. Mai 2007

Chancengleichheit  „Barrieren bestehen nicht nur aus Stufen“

Barrierfreies Studieren gewinnt an Bedeutung – In der Praxis sind behinderte Studierende allerdings noch immer mit verdeckten Zugangsbeschränkungen konfrontiert
Zugangsbeschränkungen sind eines der vielen Streitthemen in der aktuellen Bildungspolitik. Kritisiert werden vor allem Quotenregelungen und Aufnahmeverfahren. Zugangsbeschränkungen existieren allerdings nicht nur auf formaler Ebene, sondern auch für Menschen, die eigentlich für das Studium berechtigt sind.

Barrierefrei studieren ist ein Begriff, der in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat, aber noch lange nicht hält, was er verspricht. Genaue Zahlen zu Studierenden mit Handicap gibt es nicht. Bei der Studierenden-Sozialerhebung 2002 gaben allerdings knapp zwölf Prozent an, gesundheitlich beeinträchtigt zu sein. Davon bezeichnen sich 7,6 Prozent als chronisch krank, dazu zählen vor allem Allergien und Atemwegsprobleme. Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Sehbeeinträchtigungen machen etwa 2 Prozent aller Studierender aus, Mobilitätsbeeinträchtigungen betreffen zehn Prozent der gesundheitlich Beeinträchtigten bzw. 1,2 Prozent aller Studierenden.

Behindertenbeauftragte für alle Unis

„Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass die in § 59 Abs. 1. UG 2002 festgeschriebene Lernfreiheit für Studierende mit Behinderungen und/oder chronischen Erkrankungen nicht gewährleistet ist“, schreibt der Verein Uniability in seinem Forderungspapier für Mindeststandards, das an die Rektorenkonferenz gerichtet wurde. Uniability ist die Interessensvertretung der Behindertenbeauftragten von sieben österreichischen Unis. „Früher gab es ein interuniversitäres Projekt für integriertes Studieren. Mit dem neuen Uni-Gesetz wurden die Unis aber auch in diesem Bereich autonom, deshalb gibt es zurzeit keine einheitliche Regelung“, erklärt Vereinsobmann Andreas Jeitler.

Das Forderungspapier wurde von der Rektorenkonferenz zwar angenommen, habe aber bisher nicht viel verändert: „Nur eine Universität hat daraufhin eine Behindertenbeauftragte eingestellt“, weiß Jeitler. Behindertenbeauftragte fehlen laut Jeitler hauptsächlich an Kunst- und Musikuniversitäten. „Obwohl barrierefreies Studieren in den letzten Jahren ein großes Thema geworden ist, gibt es immer noch großen Nachholbedarf“, meint er.

Finanzielle Mittel nicht ausreichend

Jeitler selbst betreut den Blinden- und Sehbehindertenarbeitsplatz der Universität Klagenfurt. „Wir haben das Glück, dass unsere Uni noch ziemlich neu ist und deshalb weitgehend baulich barrierefrei ist“, sagt er über seinen Arbeitsplatz. Mit den meisten Barrieren sind seiner Meinung nach gehörlose Studierende konfrontiert.

Der Vergleich von Behindertengruppen und Barrieren ist nach Ansicht von Leopold Schlöndorff, Behindertenbeauftragter der Uni Wien, nicht sinnvoll. Einen Nachholbedarf bei dem Angebot für Gehörlose sieht auch er: „Die finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand für Gebärdensprach-DolmetscherInnen ist nicht ausreichend. Dafür verfügt die Gehörlosen-Community über eine vitale, hoch engagierte Selbstvertretung, mit der wir höchst effektiv zusammenarbeiten und an Lösungsvorschlägen arbeiten“, verweist er auf den Verein österreichischer gehörloser StudentInnen (VÖGS).

„Für Gehörlose ist es schwierig, sich die wissenschaftliche Sprache anzueignen“, berichtet Barbara Hager vom VÖGS über ihren Alltag. Beim Projekt „Study now“ unterstützen deshalb hörende Studierende ihre gehörlosen KollegInnen, indem sie Mitschriften verfassen und den Inhalt gemeinsam durchgehen. Viele gehörlose Studierende gibt es in Österreich allerdings nicht. Laut einer VÖGS-Umfrage im Jahr 2005 waren 25 Gehörlose inskribiert. Gründe für die geringe Zahl sieht Hager in der mangelnden Förderung in der Schule sowie in der unzureichenden finanziellen Unterstützung.

Bauliche und andere Barrieren

Neben Anfragen zu Gebärdensprach-DolmetscherInnen bearbeitet Schlöndorff ebenso häufig Anfragen zu Studienfinanzierung oder Zugänglichkeit. Als Kernstück seiner Arbeit nennt Schlöndorff die Beratung der Studierenden: „Im Beratungsteam eingebunden sind zwei FachberaterInnen für blinde und sehbehinderte Studierende, die besonders auf die Bedürfnisse dieser Zielgruppe eingehen.“ Eine Beratung in Gebärdensprache soll folgen. Auch die Wahlfreiheit der Prüfungsmethode für Behinderte werde in Wien bereits gut umgesetzt, nennt Schlöndorff einen weiteren Erfolg seiner Arbeit. Um die finanziellen Barrieren für behinderte Studierende zu reduzieren, hat die Uni den Studienbeitrag für Studierende mit einem Behinderungsgrad von mindestens 50 Prozent erlassen.

Fachhochschulen sind bei Integrationsmaßnahmen ebenso autonom wie Universitäten. „Eine einheitliche Regelung gibt es nicht, dafür ist jede Institution selbst zuständig“, erklärt Heidi Scheuringer von der Fachhochschulkonferenz. Allerdings gebe es mittlerweile an fast jeder FH eine Ansprechperson für Behindertenangelegenheiten.

Sozialerhebung 2006

Die Situation gesundheitlich beeinträchtigter Studierender wurde bei der Sozialerhebung 2002 gesondert ausgewertet. „Die neue Studie wird diesen Bereich so intensiv wie noch nie betrachten“, kündigt Martin Unger vom Institut für Höhere Studien, der die Erhebung im Auftrag des Wissenschaftsministeriums durchgeführt hat, an. Details zur Sozialerhebung 2006 könne er allerdings noch nicht verraten. Veröffentlicht werden sollen die Studienergebnisse bei einem Workshop, der laut Unger im Herbst stattfinden soll. Seiner Meinung nach habe die letzte Studie dazu beigetragen, Barrieren für behinderte Studierende aufzuzeigen.

„Wichtig ist, dass das Thema Barriere nicht auf bauliche Hindernisse oder gar auf Stufen beschränkt wird. Neben diesen sicher wichtigen Bereichen gibt es auch noch finanzielle, psychologische und soziale Barrieren, für deren Abbau die gleiche Energie aufgewendet werden sollte“, appelliert Schlöndorff. „An der Uni Wien herrscht jedenfalls reges Interesse seitens behinderter Menschen und wir hoffen, die Zahl der Studierenden mit Behinderung weiter zu steigern“, so der Behindertenbeauftragte. (Elisabeth Oberndorfer/derStandard.at, 16. Mai 2007)