Der Verein Österreichischer Gehörloser Studierender (VÖGS) ist die Interessenvertretung aller gehörlosen und schwerhörigen Studierender in Österreich und fordert anlässlich des Internationalen Tages der Muttersprachen am 21.02.2016 erneut die Anerkennung der Österreichischen Gebärdensprache auch als Unterrichtssprache und verweist auf die Umsetzungspflicht der Republik Österreich in Bezug auf die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

Die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) ist die Muttersprache von über 10.000 gehörlosen Personen in Österreich. Nach Auffassung von Sprachwissenschaftlern ist die Muttersprache nicht diejenige Sprache, die die Mutter eines Kindes verwendet, die Muttersprache, sondern vielmehr jene, mit der sich eine Person identifizieren kann und sich auch am besten zurechtfindet. Von dieser Definition ist also auszugehen, wenn eine Diskussion über die Gebärdensprache und die Anerkennung derselben geführt wird.

Mehr als eine Muttersprache:

Dabei ist die Gebärdensprache nicht nur eine Muttersprache für gehörlose und vielen schwerhörigen Personen, sondern muss viel weiter gesehen werden: Auf Grund der Beeinträchtigung ist es gehörlosen Personen nicht möglich die Lautsprache (etwa gesprochenes Deutsch) vollständig zu verstehen. Das Erhalten einer Information oder das Führen einer Konversation gestaltet sich daher recht schwierig. Viele nehmen an, dass durch Lippenablesen das Gesprochene zur Gänze aufgenommen werden kann. Jedoch haben wissenschaftliche Studien belegt, dass Lippenablesen im Idealfall zu nur 33 % funktioniert. Es ist notwendig, gehörlosen und auch vielen schwerhörigen Personen schon im Kindesalter eine Erstsprache, sprich Gebärdensprache, zu geben.

Gebärdensprache im Unterricht – neccessum est:

Ein Blick auf die Bildungssituation für gehörlose und schwerhörige Personen zeigt, dass die Österreichische Gebärdensprache im Schulunterrichts- und Schulorganisationsgesetz nicht zu finden ist. Diese Situation ist aus mehreren Gründen nicht hinnehmbar:

  • Für gehörlose Kinder gibt kaum Möglichkeiten schon im Kindergartenalter die für sie so essentielle Sprache zu lernen.
  • Wenn gehörlose Kinder in Gehörlosenschulen kommen, werden sie meistens erst im Alter von sechs oder sieben Jahren mit dieser Sprache konfrontiert.
  • Die Inhalte des Unterrichts sind auf Grund der Gehörlosigkeit oder Schwerhörigkeit wegen der Verwendung von Lautsprache schwer wahrnehmbar. Das führt dazu, dass etwa schwerhörige Schülerinnen und Schüler, aber auch Gehörlose, die nicht in Sonderschulen sind, doppelte Anstrengung leisten müssen. Eine Verwendung der ÖGS würde erhebliche Erleichterungen bringen.
  • Auf rechtlicher Ebene ist die ÖGS im Bundesverfassungsgesetz Art. 8 Abs. 3 anerkannt. Jedoch ortet man keine Notwendigkeit, diese in den Schulgesetzen zu verankern.
  • In verschiedenen Artikeln der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist die Gebärdensprache in allen Lebensbereichen anzuerkennen und auch zu fördern, vor allem im Bildungswesen.
  • Die Zahl der Arbeitslosen unter den gehörlosen Menschen ist massiv hoch. Das hat nicht nur mit der an sich schon hohen Zahl an Arbeitslosen zu tun, sondern ist vor allem im Zusammenhang mit der moderaten Bildungsangeboten und Ausbildungen an den Schulen sowie einem Fehlen eines gleichberechtigten Zugang zu Bildung zu sehen.

Bildung ist der Schlüssel zum weiteren Leben. Für gehörlose und schwerhörige Personen ist daher wichtig, dass die Gebärdensprache im Unterricht vom Kindergarten bis zur Universität verwendet wird. Selbstverständlich muss auch eine andere Sprache, im österreichischen Falle Deutsch, unterrichtet werden. Der VÖGS fordert daher erneut die Einführung eines bilingualen Unterricht in einer inklusiven, gleichberechtigenden Schule.

 

Anlässlich des Internationalen Tag der Muttersprachen hat Gebärdenwelt.tv den VÖGS interview. Hier können Sie das Interview ansehen.

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