Nach den Vorträgen und Diskussionsrunden mit Sigo Bachmayr (Gallaudet Uni „Deaf President Now“ und Gehörlosen-Führungskraft) plante der VÖGS zum Abschluss des SoSe 2007 einen Vortrag über „Taub Sein“ von Nik Riemer.

Kurz nach 18h eröffnete unser VÖGS Vorsitzender Florian

das StudentInnentreffen, an dem ca. 20 bis 30 Studierende, SchülerInnen und Interessierte teilnahmen. Einige Veranstaltungen von aktiven Gebärdensprachigen, die in den nächsten Tagen stattfindet würden (study now Treffen, WITAF Jugend Weiße Nacht; Tanzworkshop), wurden bekannt gegeben.
 
Danach präsentierte Nik seinen Vortrag und klärte uns darüber auf, dass in Deutschland bei einer Tagung im Mai 2007 der Begriff „Taub Sein“ verwendet wurde.
Zuerst stellte er verschiedene Definitionen zu „Nicht-hören-Können“ vor:
Modernere Begriffe sind derzeit „Gehörlos, Menschen mit Hörbehinderung und Taub Sein“; weitere heute bekannte sind „hörbeeinträchtigt, hörgeschädigt, hochgradig schwerhörig, an Taubheit grenzend hochgradig schwerhörig“,….. den ganz veralteten Begriff „taubstumm“ (heute sehr kritisch von uns, der Gehörlosengemeinschaft, gesehen) kennen wir auch alle.

Anschließend erzählte Nik über verschiedene historische Entwicklungsaspekte der Einstellungen und Erziehungsmaßnahmen im Zusammenhang mit „Taub Sein“ [Gehörlos], die bis heute in der Gesellschaft Auswirkungen haben.

Der Vortragende zeigte auch andere Perspektiven von: „Was ist Hören?“ und gab dazu verschiedene Beispiele. Es werden verschiedene Einstellungen von Hörenden beobachtet,  wie sie mit Gehörlosen kommunizieren und wie sie ihre Kultur verstehen- Manche sind sehr verständnisvoll und andere sind ihnen gegenüber ungeduldig. Letztere verursachen unweigerlich Kommunikationsbarrieren.

Viele Gehörlose wachsen mit Hindernissen auf, z.B. 

  • wird ihnen aufgrund ihres „Taub Seins“ die Fähigkeit automatisch abgesprochen, ein „normales“ Leben zu führen;
  • sie bemühen sich mit Hörenden zu kommunizieren, aber die Hörenden beachten sie nicht oder wenden ihren Blick ab;
  • viele haben nicht Geduld, für die Gehörlosen Unverständliches zu wiederholen;
  • andere Gehörlose wiederum lernen mit großen Mühen die Lautsprache und haben keine Ahnung von der Gebärdensprache;
  • manche kennen keine anderen Gehörlosen, die dieselben Probleme haben, und sind gesellschaftlich isoliert.

Zum „Taub Sein“ [Gehörlossein] erwähnte Nik, dass diese Menschen eine stark ausgeprägte visuelle Lebensweise haben, nicht/schlecht zu hören ist nur ein Teil ihrer Eigenart, verbunden mit einer besonderen Kommunikationsform (Gebärdensprache, Ausdrucksweise).
„Taub Sein“, Gehörlos bzw. eine Hörbehinderung Haben lässt sich durch eine eigene Kultur, eine eigene Wahrnehmung (Bewusstsein), durch Zusammenkünfte (Veranstaltungen, Aktivitäten…) und durch die Gebärdensprache (Fernsehen, Dolmetscher, Internet…) charakterisieren. Diskussionen bezogen auf das „Taub Sein“ [Gehörlossein], gehört in dieser Gemeinschaft dazu.

Nik zeigte uns, dass es ausschlaggebend ist, dass gehörlose Menschen zu ihrer Gehörlosigkeit stehen und daraus das Beste machen. Wir, Gehörlose, sollten uns Ideen überlegen und damit selbst die Initiative ergreifen. Eine gegenseitige Unterstützung und Konsequenz würde dazu führen, dass es z.B. weniger Barrieren in der Kommunikation gibt.

Als ein Zukunftsszenarium sieht Nik voraus, dass die Gemeinschaft der gehörlosen Menschen mehr um ihre Sprachanerkennung kämpft; es muss selbstverständlich werden, dass Untertitel und Gebärdensprache-Dolmetscher im Medien- bzw. Kommunikationsbereich vorhanden sind. Auch die Kultur der Gehörlosen sollte anerkannt sein und aus dem Hörstatus sollte kein negatives gesellschaftliches Dogma gemacht werden. Deshalb forderte Nik das Publikum dazu auf, mehr Aktivitäten zu setzen und die Interessen der Gehörlosen vehement zu vertreten.

Derzeit kämpfen der ÖGLB und der VÖGS um die Selbstverständlichkeit, eine erfolgreiche Bildung (Matura und Studium) erwerben zu können und in der Öffentlichkeit angenommen zu sein, die Bemühungen liegen aber jetzt noch im Frühstadium.

Zur Gebärdensprache betonte Nik, dass das Fach „ÖGS“ als Unterrichtsfach fehlt und dass es auch starke sprachkulturelle Unterschiede gibt. Ein großer Schritt muss noch getan werden, um diese Erkenntnisse in der Öffentlichkeit umzusetzen.

Am Schluss stellte der Vortragende ganz kurz die Begriffe „Deafhood“ (von Dr. Paddy Ladd) und „Audismus“ (von Hartmut Teuber) vor, die im Herbst bei den StudentInnentreffen auch in Vorträgen von der ÖGLB Kommission „Geschichte und Kultur“ präsentiert werden.

Dann leitete Nik zur Diskussionsrunde ein. Zuerst wurde über die Begriffe Taub Sein, Gehörlos und Menschen mit Hörbehinderung heftig diskutiert. Es zeigten sich verschiedene Meinungen über diese Begriffe, die weiter in Diskussion bleiben. Weiters gebärdete die Gruppe im Kreis sehr lebhaft viele Perspektiven um das Taub Sein.

Der VÖGS wird beim nächsten StudentInnentreffen einen eigenen Moderator bzw. eine eigene Moderatorin beauftragen, weil die letzten Diskussionsrunden nicht wirklich neutral moderiert worden waren. 

Last, but not least, der VÖGS bedankt sich bei Nik für sein tolles Engagement!!!

Link zu den Fotos vom letzten StudentInnentreffen im SoSe 07.
 
Fotos und Bericht: Barbara H.

Anmerkung: Bei diesem Bericht habe ich den „neuen“ Begriff „Taub Sein“ verwendet, weil der Vortragende sie bei diesem StudentInnentreffen verwendet hat.